Jetzt nicht untergehen
Billige KI-Videos fluten das Netz, die Reichweiten der klassischen Medien sinken und Bots übernehmen die Suche. Für Marken wird es immer schwieriger, wahrgenommen zu werden. Dabei spielt die Relevanz eine wesentliche Rolle. Schade, dass der Begriff gerade durch die Phrasendreschmaschine geschleudert wird.
Text: Cathrin Hegner
Mal ehrlich – wer will denn nicht relevant sein? Wer will nicht wahrgenommen werden, bedeutsam sein, vielleicht sogar wichtig für jemanden oder etwas? Das Streben nach Sinn ist so alt wie die Menschheit. Philosophisch betrachtet ist Relevanz der Stellenwert von etwas für Erkenntnis, Sinn oder Handeln. Schon bei Platon ist der Begriff an den Sinn gebunden, nicht etwa an die Menge an Information. Nicht Vielwissen sättigt die Seele, sondern Verstehen.
Von diesem Kern der Relevanz haben sich Marketing und Werbung ein Stück weit entfernt. Wer im Internet nach Erkenntnis sucht, findet Begriffsverwirrung und einen endlosen Strom von Tipps und Tricks, wie Marken relevant werden: Von A wie Auffallen über K wie Kontext bis Z wie Zuhören reichen die Ratschläge von Beratern, Influencern und selbst ernannten Experten. Mal wird „Relevanz durch Einzigartigkeit“ versprochen, mal „Relevanz durch Flexibilität“, „durch moderne Technologie“ und sogar „durch Natürlichkeit“.
Relevanz ja – aber womit?
Droht nach Verantwortung und Nachhaltigkeit nun auch die Relevanz zur Phrase zu werden? „Nein“, meint Alex Turtschan, Director Innovation bei Mediaplus: „Relevanz war schon immer ein entscheidender Teil von Kommunikation und wird es bleiben.“ Am Ende stehe ohnehin „immer Wirkung als zentrales Kriterium – alles andere ist dann eben nicht relevant, weder für Brands noch für Konsument:innen“. Das Problem sei eher, dass Relevanz oft als Synonym für Sichtbarkeit benutzt werde. „Sichtbarkeit ohne Wirkung ist aber keine Relevanz, sondern Rauschen.“ Relevanz sei weit mehr, betont Viktoria Hofmann, CEO DACH von Mindshare: „Messbare Wirkung, die echte Veränderung auslöst und im Gedächtnis bleibt.“ Auch Lars Kreyenhagen, Gründer der Branding-Agentur Karl Anders, warnt in seiner Kolumne „Nobody Shares“ davor, Sichtbarkeit mit Bedeutung oder gar Beziehung zu verwechseln. Der Reflex laute trotzdem: mehr Relevanz, mehr Kontaktpunkte, mehr Personalisierung, mehr Output: „Als wäre Bedeutung ein Mengenproblem. Als könnte man sich in die Herzen hineinoptimieren.“


